Was macht eine gute Fotografie aus? - Das Delta-Moment-Modell

Was macht eine gute Fotografie aus? – Das Delta-Moment-Modell®

Unsere Zeit ist bildverliebt. Visuelle Medien sind allgegenwärtig. Fototaugliche Geräte gehören zur Grundausstattung eines modernen Menschen. Der technische Anspruch steigt stetig. Der inhaltliche an die Fotos nicht. Zumindest nicht in vergleichbarem Maße. Denn Technik ist einfacher zu beschreiben als ästhetische und ästhetiktheoretische Parameter.
Oder anders gesagt: Was macht ein gutes Foto aus? Diese Frage ist so alt wie die Fotografie selbst und es gibt zahlreiche, unterschiedlichste, oft für sich stehende Versuche, diese zu beantworten. Doch was alle Versuche einer Antwort eint, zeigt das Delta-Moment-Modell.

 

Das Delta-Moment-Modell®

Das Delta-Moment-Modell® vereint die Voraussetzungen und Elemente einer guten Fotografie. Die essentiellen Grundpfeiler des Delta-Moment-Modells® sind die drei Komponenten Ratio, Emotio und Sustiantio. Grundlage und Voraussetzung aller ist die Kreativität, die „schöpferische Kraft, das kreatives Vermögen“1 des Bilderschaffers.

 

Ratio – das erste der drei Elemente:

Objektiv messbare, technische und bildgestalterische Elemente einer Fotografie sind die wesentlichen Parameter dieser Komponente: Das Motiv und das zentrale Sujet der Aufnahme. Sind diese schon xfach gesehen, trivial oder innovativ, altbacken oder neu inszeniert? Die Bildkomposition – und die handwerkliche Frage nach Gestaltungsregeln wie gerader Horizont, Goldener Schnitt, Vermeidung stürzender Linien, Tiefenschärfe oder die vorsätzliche Beugung dieser Prinzipien. Ferner: Technische Aspekte, wie Richtlinien der Bildschärfe, Rauscharmut, Fehlen von Farbstichen, Farbstimmigkeit, Belichtung und Kontraste.
Unter der Annahme, dass ein Fotograf um diese Parameter weiß, Gestaltungsregeln handwerklich sauber ausführt, sollte bereits nach der Betrachtung der ersten Säule Ratio klar werden: Gute Fotos setzen nicht obligatorisch die teuerste, neueste Technik voraus. Viele weltberühmte Fotos entstanden vor dem digitalen Zeitalter technischer Hochrüstung. Exemplarisch sind die Bewegungsstudien von Eadweard Muybridge, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind oder August Sanders „Das Antlitz der Zeit“ zu nennen. Robert Capa oder Helmut Newton, viele einflussreiche Fotografen arbeiteten analog.

Unter der weiteren Annahme, dass nicht technisch-handwerklicher Rüststand über die Qualität einer Fotografie entscheidet, lässt dies den Schluss zu, dass aufgrund dessen, weitere ausschlaggebende Parameter darüber entscheiden.

 

Emotio – zweites der drei Elemente:

Ein entscheidender Faktor: Erwecken von Gefühlen und Emotionen. Dass der Mensch ein vor allem rationales Wesen sei, scheint nur Agitationdes Bildungswesens. Bereits Mehrabian zeigte in seinen Studien Anfang der 70er Jahre auf, dass der Mensch ein durch und durch von Gefühlen geleitetes Wesen ist. Mehr als 90 Prozent des menschlichen Erlebens spielt sich im Unterbewusstsein ab2, also eigentlich jenseits dessen, was bewusst vom Fotografen anwendbar oder in einem Labortest rational beschreibbar wäre, wäre da nicht ein bestimmtes Phänomen – die scheinbar unwissenschaftliche Kategorie der Faszination. Eine gute Fotografie muss dieses Phänomen hervorrufen.

 

Sustinatio – drittes und entscheidendes Element des Delta-Moment-Modells®:

Wirkung und Nachhaltigkeit: Diese entstehen sobald eine gute Fotografie eine werteorientierte Botschaft, eine Vision transportiert und so im Idealfall eine Veränderung im Denken und Handeln des Bildkonsumenten bewirkt. Eine Fotografie mit solch gewichtiger Ladung zu bestücken ist selbstredend schwer, aber die entscheidende Charaktereigenschaft, ob eine Fotografie nachwirkt, die Zeit überdauert und sich aufgrund dessen nur äußerst schwer ersetzbar macht.

 

Der Delta-Moment

Die drei essentiellen Elemente Ratio, Emotio und Sustinatio, sowie deren aufeinander abgestimmtes Zusammenspiel, bilden die grundlegende Basis für das Erreichen eines Delta-Moments. Beinhaltet nun eine Fotografie jede der drei Komponenten, wobei die Gewichtung maßgeblich auf Emotio und Sustinatio liegt, so ist die Wahrscheinlichkeit, beim Betrachter den Delta-Moment auszulösen, sehr groß.
Doch was ist eigentlich dieser „Delta-Moment“? – Jeder Betrachter war schon einmal gefesselt von einem bestimmten Bild, sei es beim Flanieren in einer Galerie oder in einem Museum. Jeder Bildkonsument wird schon einmal einen Moment erlebt haben, der „anders“ war als andere, besser, eindrücklicher, intensiver, verzaubert. Dieses Erlebnisphänomen ist aus Sicht der psychologischen Systemtheorie durchaus wissenschaftlich zu benennen, würde allerdings den Rahmen dieses Modells sprengen3. Die Beschreibung dieses Sachverhaltes wird einfacher mit einer konkreten Nennung dieses Moments: der Delta-Moment.
„Delta“ steht im naturwissenschaftlichen Kontext für den Begriff des „Unterschieds“, für etwas, das einen kognitiv spürbaren Unterschied zu allem anderen ausmacht. Eine wirklich gute Fotografie besitzt ein solches Delta und ist „anders“ – was seinerseits der philosophische Fachbegriff für ein Empfinden ist, das subjektiv „beflügelt“, so der Wortlaut bei Platon. Dieser Effekt entsteht nur bei un- respektive außergewöhnlichen Bildern, die einerseits irritieren, Sehgewohnheiten brechen, aber andererseits ihre Verbindung mit emotionalen Mustern tief im Unbewussten haben, so tief verborgen, dass man nur die Folgen dieses gelungenen Brückenschlags bemerkt, wie einen ins Wasser geworfenen Stein an den Wellen.
Die untrüglichen Indizien für den Delta-Moment sind Gefühle der Rührung und der Betroffenheit. Bilder, die solche Gefühle auslösen, nehmen den Betrachter in den Bann und bleiben haften. Anhand des Delta-Moment-Modells® lassen sich Fotografien strukturiert analysieren.

 

Zusammenfassend lässt sich folgendes festhalten: Es ist möglich und naheliegend, Fotos nach dieser dreigeteilten Mehrschichtigkeit zu scannen und zu analysieren. Technisches Rüstzeug und Handwerk, emotionales Komponieren und eine Orientierung hin zur Nachhaltigkeit ergeben beim Fotografieren das, was im realen Leben der Begriff der „mindfulness“ meint, nämlich eine neue Synergie von Sinn und Schönheit. So entsteht ein freier, neugieriger, kritischer, künstlerischer Geist ohne Barrieren und Grenzen, sowohl im Denken als auch in der Umsetzung. Das ist die Voraussetzung für eine solche schöpferische Kraft, für eine neue, frischere Betrachtungsweise – und für das bewusste Erleben von nicht in Worten fassbaren Momenten. Von Delta-Momenten. Von Momenten, die funktionieren wie die Reindefinition von Ästhetik, wie ein Zauber unsichtbarer Dinge, deren Vorhandensein aber darüber entscheidend, ob Fotos wirken oder nicht, also ob eine Fotografie „gut“ ist.

 

1 Duden, 2015
2 Mehrabian, 1971
3 Voigt, 2005

Delta Moment Modell - Martin Rehm